{"id":2671,"date":"2015-07-08T12:13:42","date_gmt":"2015-07-08T11:13:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/?p=2671"},"modified":"2015-07-23T09:55:37","modified_gmt":"2015-07-23T08:55:37","slug":"il-quotidiano-svizzero-tages-anzeiger-intervista-oliviero-toscani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/?p=2671","title":{"rendered":"\u00abJeder Esel kann ein Bild machen\u00bb (interview in German with Oliviero Toscani \/ Tages Anzeiger \/\/ 09.01.2014  \/+2 PDF)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"metaLine\">\n<h5>Interview:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/stichwort\/autor\/leonie-kraehenbuehl\/s.html\">Leonie Kr\u00e4henb\u00fchl<\/a><\/h5>\n<ul>\n<li><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h4><strong>Der Italiener Oliviero Toscani wurde mit seinen Skandalkampagnen f\u00fcr Benetton zum \u00abbad boy\u00bb der Werbefotografie.<\/strong><\/h4>\n<div id=\"inlineGallery_133231\">\n<div id=\"inlineGalleryPic_133231\"><\/div>\n<div>\n<div id=\"articleGalleryWemf_133231\">\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/30126537.jpg\" rel=\"lightbox[2671]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4149\" src=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/30126537-276x300.jpg\" alt=\"30126537\" width=\"276\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/30126537-276x300.jpg 276w, https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/30126537.jpg 348w\" sizes=\"(max-width: 276px) 100vw, 276px\" \/><\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div id=\"contentbox\">\n<p>Oliviero Toscani kam 1942 in Mailand als Sohn eines Pressefotografen zur Welt. Nach seinem Fotografiestudium in Z\u00fcrich wurde er zum kreativen Auge hinter Kampagnen von Chanel, Esprit, Fiorucci und vielen anderen. Prominent und umstritten wurde er als Creative Director von Benetton-Kampagnen (1982\u20132000): Er zeigte die blutgetr\u00e4nkten Kleider eines toten bosnischen Soldaten, zum Tode verurteilte H\u00e4ftlinge in amerikanischen Gef\u00e4ngnissen, sterbende Aidspatienten.<\/p>\n<p>Seine letzte Schockkampagne nach Benetton widmete er dem Kampf gegen Magersucht mit Bildern des sterbenden Magermodels Isabelle Caro.<\/p>\n<p>(TA) (Bild: PD)<\/p>\n<h4><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"googleAdSense\"><\/div>\n<\/div>\n<p><b>\u00abDie Werbung ist ein l\u00e4chelndes Aas\u00bb lautet der Titel Ihrer Pr\u00e4sentation vom kommenden Samstag hier in Z\u00fcrich &#8230;<\/b><br \/>\nWirklich? Das haben die als Titel angegeben? Das wusste ich nicht. (lacht) Das ist der Titel eines Buches, das ich vor einigen Jahren geschrieben habe. Ich habe eigentlich \u00ab50 Jahre \u00fcberw\u00e4ltigenden Versagens\u00bb als Titel vorgesehen. (lacht laut)<\/p>\n<p><b>Worin haben wir denn versagt?<\/b><br \/>\n\u00dcberall. Man h\u00e4tte doch alles viel besser machen k\u00f6nnen. Wir leben in einer Welt der Krise. Wir sprechen nicht mehr miteinander. Wir kommunizieren nicht \u2013 stattdessen gehen wir auf Facebook und Twitter. Wir waren noch nie so isoliert.<\/p>\n<p><b>Dann sind Sie Kulturpessimist?<\/b><br \/>\nPessimist? Pessimisten, das sind doch die Leute, die das nicht verstehen. Dummheit l\u00e4sst viel Optimismus zu. Nein, im Ernst jetzt. In Z\u00fcrich werde ich meine Arbeiten zeigen, die ich seit meinem Schulabschluss gemacht habe. Es kommt ganz darauf an, wer so kommt. Ich mag Improvisation \u2013 ich werde mir die Leute anschauen und dann entscheiden, wor\u00fcber ich sprechen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><b>Sie waren 18, als Sie 1960 f\u00fcr f\u00fcnf Jahre nach Z\u00fcrich kamen. Warum in diese Stadt?<\/b><br \/>\nNun, ich wollte an die Kunstschule und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/kultur\/kunst\/inhalt-2\/fotografie\/s.html\"><strong>Fotografie<\/strong><\/a>studieren, um Fotograf zu werden wie mein Vater. In Z\u00fcrich war damals die beste Schule daf\u00fcr. Ich war mir sicher, dass die mich nicht nehmen w\u00fcrden. Die waren sehr w\u00e4hlerisch. So habe ich die einw\u00f6chige Aufnahmepr\u00fcfung gemacht \u2013 und wurde genommen. Dabei konnte ich nicht mal Deutsch.<\/p>\n<p><b>Hatten Sie eine gute Zeit hier?<\/b><br \/>\nEs war eine wunderbare Ausbildung. Damals machte man noch wirklich Fotos in der Schule! Heute macht man keine Fotos mehr. Man studiert, wie man Fotos macht. Ich hatte tolle Lehrer damals \u2013 ich habe heute immer noch Kontakt zu einigen davon. Walter Binder zum Beispiel. Ich mache auch ein Buch \u00fcber die Schule (kramt hinter sich in einem Regal, zieht ein Buch hervor), wir entwerfen es gerade, ich helfe bei der Recherche.<\/p>\n<p><b>Ber\u00fchmt wurden Sie ja f\u00fcr Ihre Benetton-Kampagnen. Ihnen wurde oft vorgeworfen, Sozialkritik zu instrumentalisieren, um den Umsatz einer Firma zu steigern.<\/b><br \/>\nIch habe die Kampagnen gemacht, weil das in meinen Augen der einzige Weg ist, um Werbung zu machen. (verwirft die H\u00e4nde) Ich bin keine Werbefirma. Ich bin kein Werber!<\/p>\n<p><b>Eigentlich hassen Sie Werbung.<\/b><br \/>\nIch hasse sie nicht. Ich hasse nichts und niemanden. Ich finde nur, Werbung ist eine enorme Verschwendung von Geld und Intelligenz. Sie verpflichtet uns, etwas Bestimmtes zu verk\u00f6rpern. Du bist erfolgreich, wenn du dich auf eine bestimmte Art kleidest, wenn deine Lippen so aussehen. (verzieht mit den Fingern seine Lippen, lacht) Das grosse Problem ist ja, dass wir alle Angst davor haben, zur\u00fcckgewiesen zu werden. Deshalb suchen wir alle nach Konsens.<\/p>\n<p><b>\u00abMan kann nie zu weit gehen\u00bb, haben Sie mal gesagt.<\/b><br \/>\nWissen Sie, ich bin ein Kind der 60er. Rock \u2019n\u2019 Roll! Wir waren die ersten in Z\u00fcrich mit langen Haaren. Wir geh\u00f6ren zu einer Generation, die anders ist. Wir haben unsere Eltern nicht akzeptiert, die Institutionen nicht akzeptiert. Wir waren subversiv. That\u2019s it.<\/p>\n<p><b>Man nennt Sie auch den \u00abbad boy of advertising\u00bb. Was wurde aus ihm? Benetton ist jetzt zw\u00f6lf Jahre her.<\/b><br \/>\nIch glaube nicht, dass sich meine Arbeit ver\u00e4ndert hat. Werbefirmen sind ja gar nicht an mir interessiert, die hassen mich. (lacht) Bald gehe ich vielleicht nach Nicaragua, um eine Kampagne gegen den Missbrauch privater Waffen zu machen. Ein anderes Projekt, an dem ich in Frankreich gerade arbeite, dreht sich um Inkontinenz. Ein wichtiges Thema, es betrifft nicht nur alte Leute. Das Menschsein, das menschliche Befinden interessiert mich. Produkte interessieren mich nicht.<\/p>\n<p><b>Aber Sie haben doch auch Modeshootings gemacht.<\/b><br \/>\nEin Modeshooting \u2013 da gehts doch um menschliches Verhalten.<\/p>\n<p><b>Und am Ende geht es darum, Mode zu verkaufen.<\/b><br \/>\nJaja, alles verkauft sich. Alles verkauft doch etwas! Als Mary Quant den Minirock erfand, war das ja zuerst mal ein sozialer Akt. Nat\u00fcrlich haben sich dann viele Minir\u00f6cke verkauft. Ich bin nicht gegen den Markt. Der Markt ist okay.<\/p>\n<p><b>Sie sagten einst: \u00abManchmal ist Werbung Kunst, aber Kunst ist immer Werbung.\u00bb Wie meinten Sie das?<\/b><br \/>\nNun, was ist die Sixtinische Kapelle? Werbung f\u00fcr die Kirche. Ich meine damit: Kunst ist der h\u00f6chstm\u00f6gliche Ausdruck von Kommunikation. (Das Telefon klingelt. Toscani flucht und verschwindet aus dem Bild.) Ich meine das nicht notwendigerweise im kommerziellen Sinne. Man teilt etwas mit, man macht auf etwas aufmerksam, auf seine Vision.<\/p>\n<p><b>Was ist Ihre Vision?<\/b><br \/>\nSeit vielen Jahren arbeite ich an einem Projekt namens \u00abHuman Race\u00bb. Ich versammle Tausende von Portr\u00e4ts von Menschen, die ich auf der Strasse fotografiert habe. Das hat vor langer Zeit angefangen, als jemand zu mir sagte: Du kannst kein Foto von mir machen, du stiehlst meine Seele. Als Fotograf hat mich das fasziniert. Und ich meine, es stimmt, da gibt es einen Ausdruck im Gesicht &#8230; Nehmen wir an, man kann die Seele wirklich einfangen mit einem Bild \u2013 das ist abstrakt. Das ist meine Recherche. \u00c4sthetik, formale Masturbation, Virtuosit\u00e4t, die Farben \u2013 all das ist vorbei. (lacht) Jeder kann solche Fotos machen. Ich m\u00f6chte sehen, was man nicht sehen kann. Das ist es.<\/p>\n<p><b>Die Photo 14 ist eine Plattform f\u00fcr junge Fotografen. Was raten Sie jemandem, der ganz am Anfang steht?<\/b><br \/>\nWissen Sie, die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Heute ist es so einfach, ein Bild zu machen! Jeder Esel kann ein Bild machen, wenn man ihm eine Kamera gibt. So denken pl\u00f6tzlich alle, sie seien Fotografen. Aber dabei geht die Poesie verloren. Man muss sich die Bilder vorstellen k\u00f6nnen! Man muss die Umwelt durch die Fotografie erkennen, sie durch die Augen und die Interpretation hindurchfiltern. Ich glaube nicht an Kunstfotografie. Das ist doch Bullshit. Fotografie ist wie Journalismus: das Ged\u00e4chtnis und der Zeuge unserer Zeit. Ein Bild machen reicht nicht. Man muss interpretieren, was um einen herum passiert. Wenn du das kannst und einzigartig bist, dann werde Fotograf. Sonst lass es lieber.<\/p>\n<p><i>Das Interview wurde via Skype gef\u00fchrt.<\/i><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">PDF<\/span><\/strong> (945 KB): <a href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Jeder-Esel-kann-ein-Bild-machen_Tages-Anzeiger_09.01.2014.pdf\"><span style=\"color: #0000ff;\">Jeder Esel kann ein Bild machen_Tages Anzeiger_09.01.2014<\/span><\/a><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">PDF<\/span><\/strong> (281 KB): \u00a0<a href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Werbung-ist-eine-enorme-Geldverschwendung-_Der-Bund.pdf\"><span style=\"color: #0000ff;\">Werbung ist eine enorme Geldverschwendung _Der Bund<\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Source:<a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/kultur\/kunst\/Jeder-Esel-kann-ein-Bild-machen\/story\/10909018\"> tagesanzeiger.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Interview:\u00a0Leonie Kr\u00e4henb\u00fchl Der Italiener Oliviero Toscani wurde mit seinen Skandalkampagnen f\u00fcr Benetton zum \u00abbad boy\u00bb der Werbefotografie. \u00a0 Oliviero Toscani kam 1942 in Mailand als Sohn eines Pressefotografen zur Welt. 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