{"id":1823,"date":"2013-08-29T14:51:28","date_gmt":"2013-08-29T13:51:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/?p=1823"},"modified":"2013-09-16T09:15:41","modified_gmt":"2013-09-16T08:15:41","slug":"berliner-zeitung-%c2%b7-nummer-179-%c2%b7-3-4-august-2013-intervista-ad-oliviero-toscani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/?p=1823","title":{"rendered":"Berliner Zeitung \u00b7 Nummer 179 \u00b7 3-4 August 2013: intervista ad Oliviero Toscani"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag-1.jpg\" rel=\"lightbox[1823]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1821\" alt=\"pag-1\" src=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag-1.jpg\" width=\"700\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag-1.jpg 700w, https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag-1-300x213.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><strong>Oliviero Toscani &#8230;<\/strong><\/h1>\n<p><strong>&#8230; wurde 1942 in Mailand geboren <\/strong>als Sohn des ersten Fotoreporters, den die italienische Tageszeitung Corriere della Sera hatte.<\/p>\n<p><strong>&#8230; studierte Fotografie<\/strong> und Grafik an der Kunsthochschule in Z\u00fcrich.<br \/>\n<strong>&#8230; hat Image-Kampagnen<\/strong> f\u00fcr Esprit, Chanel, Jesus, Inter Mailand, Woolworth und viele andere Unternehmen entworfen und realisiert.<\/p>\n<p><strong>&#8230; wurde ber\u00fchmt<\/strong> durch seine Arbeitf\u00fcrBenetton.Erentwarfdas gesamte Konzept f\u00fcr das interna- tional aufgestellte Unternehmen United Colors of Benetton. Von 1982 bis 2000 trug Oliviero Toscani erheblich dazu bei, aus der Strickwarenfirma aus Ponzano eine Weltmarke zu machen. Man stritt damals heftig dar\u00fcber, ob er das machen d\u00fcrfe: aufr\u00fcttelnde Fotos von \u00f6lverschmierten Schwimmv\u00f6- geln, noch an der Nabelschnur h\u00e4ngenden Neugeborenen, der blutverschmierten Uniform eines gefallenen bosnischen Soldaten, Aids-Kranken und zum Tode Verurteilten \u2013 alles nur, um mehr Pullover zu verkaufen als die Konkurrenz. Ein Gegenargument: Greenpeace, Amnesty Internatio- nal haben kein Geld, um diese Fotos auf der ganzen Welt zu zeigen. Er machte es m\u00f6glich. Die Werbung sei die Tarnung. So ging die Auseinandersetzung damals.<\/p>\n<p><strong>&#8230; schmiss den Job<\/strong> f\u00fcr Benetton, als der Konzernchef sich von Toscanis Fotos gegen die Todesstrafe in den USA distan- zierte. W\u00e4hrend der Mail\u00e4nder Modewoche 2007 erschreckte Toscani nicht nur die Modewelt mit Fotos eines magers\u00fcchtigen Models.<\/p>\n<p><strong>&#8230; macht immer noch Fotos<\/strong>, aber auch seinen eigenen Wein, er hat eine eigene Brillenkollektion, und er zu\u0308chtet, sehr erfolgreich, hei\u00dft es, Pferde.<\/p>\n<p><strong>Oliviero Toscani<\/strong> sitzt an einem Tisch im Garten der HPI School of Design Thinking in Potsdam, es ist ein warmer Tag, der Grieb- nitzsee ist nah. Der Fotograf, der f\u00fcr eine Konferenz hier ist, hat seinen Laptop vor sich und zeigt, womit er gerade besch\u00e4ftigt ist. Dann wechselt er die Datei und zeigt vol- ler Stolz Aufnahmen seiner Pferde: \u201eDas sind die wahren Models!\u201c<\/p>\n<p><em>Ist Toscanini die Koseform von Toscani? Also Toscanini ist der kleine Toscani?<\/em>Exakt! Alle Toschi, Tosca, Toscani, Toscanini kommen aus der Gegend zwischen Piacenza und Parma. Das waren alles Ghibellinen, Kaisertreue, die vor den p\u00e4pstlichen Truppen flohen. Nach Mailand zum Beispiel, wie meine Vorfahren. Sie waren politische Emigranten, und in ihrer neuen Heimat bekamen sie ihre Namen, die alle nichts anderes besagten,alsdasssieausderToskanastammten. Viele gingen bald wieder zur\u00fcck, behielten aber ihre ExilNamen. Die erinnern sie da- ran, dass sie einmal Fremde in der Fremde gewesen waren.<\/p>\n<p><em>Die United Colors of Benetton.<\/em><br \/>\nNa ja.<\/p>\n<p><em>Wo kommen Sie jetzt her?<\/em><br \/>\nIch war gerade in Guatemala. Ich habe dort eine gro\u00dfe Ausstellung. Wenn man im Flughafen von Guatemala City ankommt, wird man von dreihundert Guatemalteken begr\u00fc\u00dft. Es sind gro\u00dfe Portr\u00e4taufnahmen der unterschiedlichsten Menschen. Wer den Flughafen betritt, sieht sofort: So bunt ist Guatemala. Ich habe alle diese Fotos gemacht. Und nat\u00fcrlich noch ein paar Hundert mehr, aus denen ich diese ausgesucht habe. Ich war in zehn verschiedenen Orten in Guatemala und habe fotografiert. Mein Atelier war ein Tisch auf dem Dorfplatz und eine wei\u00dfe Leinwand. Mehr brauchte ich nicht. Diese Arbeit machte ich f\u00fcr die Men schenrechtsabteilung der Vereinten Nationen. Ich w\u00fcrde so etwas gerne noch an vielen anderen Orten in der Welt machen. Ich liebe diese Arbeit.<\/p>\n<p><em>Was kriegen Sie daf\u00fcr?<\/em><br \/>\nNichts. Wirklich nichts. Das Geld interessiert mich da nicht. Warum wollen Sie mit mir sprechen?<\/p>\n<p><em>Ich mache eine Serie mit Atelierbesuchen.<\/em><br \/>\nIch habe kein Atelier. In Guatemala war es der Tisch auf dem Platz. Bei den Benetton Fotos waren es entweder Au\u00dfenaufnahmen oder gemietete R\u00e4ume. Atelier! Das klingt nach 19. Jahrhundert. Ich brauche frische Luft, das Leben. Fotografie ist keine Kunst. Fotografie ist Fotografie. Ich bin \u00fcbrigens kein Fotograf, sondern ein Imaginator. Ich Gespr\u00e4ch mache nicht ein Bild von dem, was vor mir liegt, sondern ich mache das Bild, das ich mir vorgestellt habe. Daf\u00fcr nehme ich mir, was ich brauche: einen Apfel, ein Knie \u2026, was eben n\u00f6tig ist. Wenn ich alles habe, stelle ich es so zusammen, wie ich es m\u00f6chte und mache das Foto. So einfach geht das.<\/p>\n<p><em>Jetzt gehen Sie in die Stra\u00dfen, auf die Pl\u00e4tze und fotografieren die Leute, die dort sind.<\/em><br \/>\nEs scheint das Banalste von der Welt zu sein. Ich fotografiere Menschen. Ich verschaffe mir einen \u00dcberblick dar\u00fcber, wie sie heute aussehen, gewisserma\u00dfen eine Bestandsaufnahme der Spezies Mensch Anfang des 21. Jahrhunderts. Es ist immer die selbe Aufnahme \u2013 ein Gesicht und eine wei\u00dfe Leinwand \u2013 und doch ist es jedes Mal anders. Das fasziniert mich. Wie viele Millionen Fotos des schiefen Turms von Pisa gibt es? Ich mache jede Wette: Keines ist wie dasandere. Dasinteressiertmich. BeimDesign ist es ganz anders. Da versucht man, immer dasselbe herzustellen: eine Marke. Sehen Sie: Diese St\u00fchle hier sind alle gleich. Auch diese Gl\u00e4ser. Das bringen nur wir fertig. Die Natur kann das nicht. Sind wir besser als die Natur oder unf\u00e4higer?<\/p>\n<p><em>Man muss alles schon sehr genau organisieren, damit am Schluss zwei exakt gleiche Produkte herauskommen und dann gar Tausende!<\/em><br \/>\nOkay. Aber heute sieht ein Ford aus wie ein Citroen, und der wie ein Opel. VW sieht aus wie Fiat.<\/p>\n<p><em>Was fahren Sie?<\/em><br \/>\nEinen Fiat Panda, einen Porsche.<\/p>\n<p><em>Alles dasselbe?<\/em><br \/>\nAlle gleich! Ich mag die heutigen Autos nicht. Ich ertrage sie nicht.<\/p>\n<p><em>Die Leute auf der Stra\u00dfe fotografieren Sie, weil sie so unterschiedlich sind?<\/em><br \/>\nNein, nicht darum. Ich sehe ihnen in die Augen, und dann wei\u00df ich, ob sie in diesem Augenblick die richtigen sind oder nicht. Es geht um den Augenblick. Sie machen nichts. Sie schauen in die Kamera. Das ist alles.<\/p>\n<p><em>Nur Gesichter?<\/em><br \/>\nNein. Bei manchen ist es nur das Gesicht, bei anderen der ganze Mensch. Mal so, mal so.<\/p>\n<p><em>Wie entscheiden Sie das?<\/em><br \/>\nInstinkt. Die anderen nennen es Instinkt. Ich nenne es meine Muse.<\/p>\n<p><em>Sie ist jung und sch\u00f6n?<\/em><br \/>\nWir sind schon lange zusammen.<\/p>\n<p><em>Diese Fotos haben Sie ja nicht nur in Guate- mala gemacht.<\/em><br \/>\nSie geh\u00f6ren zu einem gro\u00dfen Projekt, das ich <strong>Razza Umana<\/strong>, die Spezies Mensch, nenne. Wir erforschen das Aussehen der Menschen, ihre Gestalten, die Art, wie sie sich ausdr\u00fccken und anziehen. Aber immer nur im Moment des Blicks in die Kamera. Es werden Fotos und Videos gemacht. Sie werden Teil eines multimedialen Archivs und einer niemals endenden Folge von Ausstellungen und Publikationen. Wer will, kann mit mir Kontakt aufnehmen und an seinem Ort, in seiner Institution entweder Fotos machen lassen oder sich Bilder f\u00fcr eine Ausstellung geben lassen, <strong>studio@toscani.com<\/strong> Wir waren schon in Guatemala, Kolumbien, Japan, Namibia, Frankreich, Italien, Schweiz, Deutschland, Israel. Ich habe Tausende fotografiert.<\/p>\n<p><em>K\u00f6nnte man das, was Sie in Guatemala gemacht haben, auch im Flughafen Frankfurt am Main machen?<\/em><br \/>\nNat\u00fcrlich. Ichhabegeh\u00f6rt, inFrankfurt leben nicht nur T\u00fcrken, Italiener, Kroaten, Polen und Serben, sondern noch Zehntausende aus zwei Dutzend anderen L\u00e4ndern. Also Inder, Amerikaner, Chinesen. Man stelle sich vor, auf dem Flughafen in Frankfurt w\u00fcrden die Reisenden empfangen von Hunderten von Fotos von Menschen aus allen Ecken der Welt alles Frankfurter, die sagten: Willkommen in Frankfurt am Main. Das w\u00e4re doch etwas! Ich w\u00fcrde das sofort machen. K\u00f6nnen Sie das organisieren?<\/p>\n<p><em>Darf ich mir die Aufnahmen auf ihrem Computer ansehen?<\/em><br \/>\nJa, bitte.<\/p>\n<p><em>Was ist das?<\/em><br \/>\nDas sind meine K\u00fche. Eigentlich bin ich Bauer. Hier ist das Video, das wir in Israel gedreht haben.<br \/>\nSie haben sich auf eine Stra\u00dfe gestellt, ihre wei\u00dfe Leinwand aufgestellt und angefangen, die Leute zu fotografieren.<br \/>\nEs ist ganz einfach. Wir haben sie auch noch befragt. Also zum Beispiel nach der Zukunft Israels. Ein, zwei S\u00e4tze. Mehr nicht. Aber wenn Sie das mit Tausenden machen, kommt da allerhand zusammen und sehr Unterschiedliches.<\/p>\n<p><em>Wie lange waren Sie in Guatemala?<\/em><br \/>\nZehn Tage.<\/p>\n<p><em>Und dann weiter nach Kolumbien?<\/em><br \/>\nNein, nein. Zur\u00fcck nach Rom und ein andermal nach Kolumbien. Ich grase nicht systematisch die Kontinente ab, sondern fliege, wohin es sich ergibt. Dort fotografiere ich dann. Ich habe das schon immer so gemacht. Ich hatte nie ein eigenes Studio. Andere m\u00f6gen es, brauchen es vielleicht auch, um sich sicher zu f\u00fchlen, um von dort aus alles organisieren zu k\u00f6nnen. Ich brauche kein Studio. Ich k\u00e4me mir vor wie eingesperrt. In einem dunklen Loch, w\u00e4hrend drau\u00dfen das Leben passiert. Ich glaube nicht, dass man beides haben kann: Sicherheit und Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Also muss man auf der Stra\u00dfe leben?<\/em><br \/>\nNein.<\/p>\n<p><em>Aber wenigstens, damit es sch\u00f6n riskant ist, nur unter Feinden?<\/em><br \/>\nNein, unter Freunden nat\u00fcrlich. Mit den Freunden habe ich die Schule geschw\u00e4nzt. Wir haben uns Western von Howard Hawks angesehen, die Filme der Nouvelle Vague, sp\u00e4ter Godard. Gro\u00dfartig. Schule schw\u00e4nzen und daf\u00fcr Filme gucken \u2013 das m\u00fcsste Pflichtfach sein!<\/p>\n<p><em>UnddasKinoheute?<\/em><br \/>\nSeit drei\u00dfig Jahren gehe ich nicht mehr ins Kino. Keine Ahnung, was da l\u00e4uft. Ich gehe nicht ins Kino und ich gucke kein Fernsehen. Zeitungen lese ich. Viel zu viel und viel zu viele.<\/p>\n<p><em>Sie sind ein alter Mann.<\/em><br \/>\nOder zu jung. Keiner von den Jungen guckt Fernsehen. Wer geht von denen noch ins Kino? Ich treibe mich viel im Internet herum. Das ist gro\u00dfartig.<\/p>\n<p><em>Wo ist die Reklame bei den Fotos der Serie Razza Umana?<\/em><br \/>\nAlles ist Reklame. Auch die Sixtinische Kapelle war Reklame. Sie ist es noch. Es ist doch sch\u00f6n, auf einem Flughafen begr\u00fc\u00dft, willkommen gehei\u00dfen zu werden. Besser kann doch ein Land nicht f\u00fcr sich werben. Auch in Guatemala gibt es Probleme mit Minderheiten. Die sind alle dabei und alle hei\u00dfen die Besucher willkommen. Wenigstens in der Fotografie gibt es dann f\u00fcr einen Augenblick diese Probleme nicht. In der Fotografie kann man ganz nahe an seinen Feind heranr\u00fccken, ohne ihn zu t\u00f6ten. Auch das ist Fotografie. Das habe ich den Leuten in Guatemala erkl\u00e4rt, und dann haben sie die Fotos im Flughafen aufgeh\u00e4ngt. Ich hoffe, das auch in Afrika machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Im Kongo?<\/em><br \/>\nIch war im Kongo. Ich setze mich f\u00fcr die Abschaffung der Todesstrafe ein und war darum mit einer Organisation dort. Im Kongo w\u00e4re das sehr, schwierig. Aber ich w\u00fcrde das gerne zu meinem Beruf machen: Dokumentarist der razza umana, der Spezies Mensch.<\/p>\n<p><em>Auch in Deutschland?<\/em><br \/>\n\u201eDie neuen Deutschen\u201c w\u00fcrde das Projekt hei\u00dfen. Es w\u00e4ren alle zu sehen, die a &#8220;Die neuen Deutschen&#8221; w\u00fcrde das Projekt hei\u00dfen. Es w\u00e4ren alle zu sehen, die an ders aussehen, als die Deutschen vor einem halben Jahrhundert aussahen. Dreihundert Leute und nur ein paar Teutonen darunter, verstehst du? Lass\u2019 uns das machen!<\/p>\n<p><em>Wie macht man das?<\/em><br \/>\nMan holt sich eine Genehmigung. Ich bin sicher, in Deutschland braucht man eine Genehmigung, setzt sich auf einen Platz, den man sich vorher gut ausgesucht hat, \u2026 \u2026 zum Beispiel die Zeil in Frankfurt.<br \/>\n<em> Das ist eine kleine Stra\u00dfe, auf der die unterschiedlichsten Menschen aus aller Welt sind<\/em>. Gut. Aber es m\u00fcssen Deutsche sein. Wir m\u00fcssen die P\u00e4sse kontrollieren. Dann fotografieren wir die Leute \u2013 Opa und Oma, Eltern und Kinder \u2013 vor einem wei\u00dfen Hintergrund. Mal nur das Gesicht, mal im Profil, mal en face, mal den ganzen K\u00f6rper. Dann brauchen wir noch eine Unterschrift, dass wir die Fotos als Plakat verwenden, dass wir sie ins Internet stellen d\u00fcrfen. So macht man das. Es ist ganz einfach. Man muss es nur tun. Schon hat man eine Dokumentation der neuen Deutschen, der neuen Frankfurter.<\/p>\n<p><em>Wie viele Leute brauchen Sie f\u00fcr so eine Aktion?<\/em><br \/>\nHundert. In zwei, drei Tagen hat man die zusammen.<\/p>\n<p><em>Eine gute Idee. Jetzt brauchen wir nur noch jemanden, der das organisiert.<\/em><br \/>\nDie Zeitung? Die Stadt? Der Flughafen?<\/p>\n<p><em>Sie haben vom Kino gelernt, sagten Sie. Von welchen Filmen? Gibt es einen, gibt es zwei, die Sie nennen k\u00f6nnen?<\/em><br \/>\n\u201eLimonaden Joe\u201c von dem tschechischen Regisseur Oldrich Lipsk\u00fd, aus dem Jahre 1964. Eine WesternParodie. Ein Getr\u00e4nk namens Kola Loca bringt Frieden in den kapitalistisch wilden Westen. Von Carmelo Bene mochte ich sehr \u201eLa nostra signora dei Turchi\u201c von 1968 zum Beispiel. Mit Fellini war ich befreundet, Antonioni wollte, dass ich in einem seiner Filme mitspielte. Daraus wurde nichts. Wir hatten uns kennengelernt, als er mich bat, ihn bei der Arbeit an \u201eBlow Up\u201c zu beraten. Das war 1966. Ich bin alt, sehr alt. Ich komme aus der Zeit von Bob Dylan und Muhammad Ali. Eine meiner T\u00f6chter habe ich Ali genannt. Nach Muhammad Ali. Erinnerst du dich an \u201ePlaytime\u201c? Tatis Film von 1967. Den wusste ich \u2013 Einstellung f\u00fcr Einstellung \u2013 auswendig. Dann Godard.<\/p>\n<p><em>Wollten Sie niemals selbst Regie f\u00fchren?<\/em><br \/>\nDoch ja. Ich glaube, ich w\u00e4re gut gewesen. Vielleicht bin ich im falschen Beruf gelandet. Aber ich w\u00e4re niemals so frei gewesen, wie ich es jetzt bin. Filme sind teuer. Man muss viele Verpflichtungen eingehen, viel riskieren. Ich wollte immer frei sein. Unabh\u00e4ngig. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Bank betreten.<\/p>\n<p><em>Quatsch!<\/em><br \/>\nNein, das ist wahr. Ich weigere mich, eine Bank zu betreten. Ich gehe auch nie an einen Bankomaten.<\/p>\n<p><em>Als Sie f\u00fcr Benetton arbeiteten, waren Sie frei?<\/em><br \/>\nIch hatte nie einen Vertrag. Ich hatte niemals einen Vertrag mit irgendjemandem. Ich wollte immer die M\u00f6glichkeit haben, zu gehen, wenn es mir nicht mehr passt. Ich m\u00f6chte die Freiheit haben, \u00fcber jeden und alles das zu sagen, was ich denke. Also darf ich mich nicht in Abh\u00e4ngigkeit begeben.<\/p>\n<p><em>Das ist Ihnen wichtig?<\/em><br \/>\nDas hei\u00dft Leben! Ich muss die Freiheit haben, einem Auftraggeber zu sagen, dass er keine Ahnung hat, dass er nichts kapiert. Ich brauche diese Freiheit. Um das zu tun, was ich tue. Das ist ja am Ende das, wof\u00fcr sie mich bezahlen. Ich werde nicht daf\u00fcr bezahlt, die Gedanken zu haben, die sie selbst schon haben. Aber das vergessen sie gerne. Sie wollen dann doch am liebsten nichts h\u00f6ren als die Echos ihrer eigenen Ideen. Am liebsten h\u00f6ren sie Ja. Aber aus einem Ja kommt nichts.<\/p>\n<p><em>Haben Sie so etwas zu Benetton gesagt?<\/em><br \/>\nNein. Er war anders. Aber den Chef von Swatch, den Sohn des Gr\u00fcnders, habe ich einen Idioten genannt.<\/p>\n<p><em>Das musste sein?<\/em><br \/>\nNa ja, irgendeiner muss es ihm doch mal sagen. Ich kann es ihm sagen. Also tue ich es. Ich f\u00fchle mich wohler, wenn ich es sage. Und wenn er doch kein Idiot ist, dann n\u00fctzt ihm das sogar. Aber er war ein typischer Fall von Papas Sohn: F\u00fc\u00dfe auf dem Tisch und Zigarre im Mund, einer, der sich f\u00fcr ganz toll h\u00e4lt.<\/p>\n<p><em>Das tun Sie doch auch!<\/em><br \/>\nBei mir stimmt es. Bei einer dieser Pr\u00e4sentationen, die wir ja machen m\u00fcssen, sa\u00df der ganze Vorstand einer Bank da, sah sich an, was wir gemacht hatten und dann kamen sie an: Muss der Schriftzug der Bank nicht etwas gr\u00f6\u00dfer sein? Muss das da nicht besser links als rechts stehen? Man sitzt da im Sessel und sieht zu, wie sie die Kreativen spielen. Als dann aber einer sagte, \u201edas Gelb ist zu stark\u201c, hatte ich die Faxen dicke, bin auf meinen Sessel und von ihm auf den Tisch gesprungen, bin r\u00fcber zu dem Mann, habe mich hinuntergebeugt zu ihm und ihm gesagt: Nat\u00fcrlich ist das Gelb zu stark. Zu stark f\u00fcr Sie! F\u00fcr die Leute drau\u00dfen ist es Gespr\u00e4ch genau richtig. Was wissen Sie von drau\u00dfen? Sie haben keine Ahnung. Sie haben gar keine Ahnung. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Foto von ihrer Frau und den Kindern. Das brauchen Sie, sonst vergessen sie sogar, wie die aussehen.<\/p>\n<p><em>Mit Ihnen m\u00f6chte ich nicht arbeiten.<\/em><br \/>\nMan kann sehr gut mit mir arbeiten. Ich habe Leute, mit denen ich seit Jahrzehnten zusammenarbeite. Ich habe einen Freund, den kenne ich noch aus der ersten Volksschulklasse. Wir telefonieren fast t\u00e4glich miteinander. Der hat allerdings noch nie zu mir gesagt: Das Gelb ist zu stark. Ich glaube nicht, dass es schwierig ist, mit mir zu arbeiten. Ich bin sehr umg\u00e4nglich. Ich freue mich, wenn mir jemand etwas sagt, das ich noch nicht kenne. Aber wenn mir jemand mit Unsinn, mit pr\u00e4tenti\u00f6sem Geschw\u00e4tz kommt, dann kann ich schon mal ausflippen.<\/p>\n<p><em>Das Gelb ist zu stark \u2013 das war doch neu f\u00fcr Sie.<\/em><br \/>\nNein, nein, nein. Was hei\u00dft das denn? Gelb ist gelb. Gelb ist nicht blass, farbund charakterlos wie das Bild seiner Frau auf dem Foto im Goldrahmen auf seinem Schreibtisch. Gelb ist dazu da zu knallen. Wenn es nicht stark ist, ist es nichts.<\/p>\n<p><em>Sie leben allein?<\/em><br \/>\nIch lebe in der Toskana mit meiner Frau.<\/p>\n<p><em>Doch ein Vertrag! Wo haben Sie das Foto Ihrer Frau?<\/em><br \/>\nNein, ich habe kein Foto von ihr dabei. Sie kommt aus Norwegen. Sie sieht aus wie von Leni Riefenstahl. Ich habe sechs Kinder von drei Frauen, elf Enkelkinder. Der \u00e4lteste Sohn ist 46 und hat vier Kinder! Dann noch zwei T\u00f6chter, die auch \u00fcber 40 sind. Und mit meiner jetzigen Frau habe ich drei Kinder: 32, 27 und 25 Jahre. Alle sind gesund. Es geht allen gut. Gl\u00fcck. Wir haben alle Gl\u00fcck! Keine Drogen, keine Verbrecher. Kinder von Freunden habe ich sterben sehen. Mein Portemonnaie w\u00e4re brechend voll, wenn ich all diese Fotos mit mir herumschleppen wollte. Ich kriege ja noch nicht einmal die Namen aller Enkel zusammen.<\/p>\n<p><em>Wenn Sie zu Hause sind, was machen Sie?<\/em><br \/>\nIch z\u00fcchte Pferde. Ich baue Wein an. Ich versuche, alles selbst zu reparieren.<\/p>\n<p><em>Sie sitzen nicht zu Hause und betrachten Ihre alten Bilder?<\/em><br \/>\nNein. Ich bin doch nicht verr\u00fcckt. Das Archiv verwaltet mein Assistent. Ich k\u00fcm- mere mich um das, was getan werden muss. Wenn Sie wollen, um die Zukunft.<\/p>\n<p><em>Interessieren Sie sich f\u00fcr die Zukunft?<\/em><br \/>\nIch wei\u00df es nicht. Es gibt ja keine Alternative. Ob ich mich interessiere oder nicht, sie kommt immer anders, als ich denke.<\/p>\n<p><em>Freut Sie das?<\/em><br \/>\nMeist \u00e4rgert es mich. Weil ich mich falsch eingestellt habe. Aber im Prinzip ist es nat\u00fcrlich gut, dass die Zukunft unberechenbar ist.<\/p>\n<p><em>Sind Sie ein gl\u00fccklicher Mensch?<\/em><br \/>\nIch habe Riesengl\u00fcck gehabt mit meinem Leben. Ich habe so viele sch\u00f6ne Sachen gemacht. Ich mache sie immer noch. Ich habe fast nur getan, worauf ich Lust hatte. Das ist ein gro\u00dfes Privileg. Ich habe das nicht geschafft, weil ich es wollte. Ich wollte es, geschafft habe ich es aber nur, weil ich Gl\u00fcck hatte. Ohne Gl\u00fcck geht so ein Leben nicht. Schon mit dem Elternhaus hatte ich Gl\u00fcck. Liberale Eltern, die mich machen und dann auch gehen lie\u00dfen. Ein gro\u00dfes Gl\u00fcck! Heute bin ich siebzig und gesund!<\/p>\n<p><em>Nie gest\u00fcrzt, nie eine Operation?<\/em><br \/>\nDas ja. Aber das ist Mechanik. Das wird repariert. Krank, bettl\u00e4gerig krank mit Schmerzen war ich nie. Ich hielte das nicht aus. Ich k\u00f6nnte nicht krank sein. Ich w\u00fcrde sterben. M\u00f6glichst schnell. Aus lauter Angst vor der Krankheit. Aber offenbar hat die Krankheit Angst vor mir! Meine Freunde haben da ein Wehwehchen und dort ein Wehwehchen und sie haben Krankheiten, schlimme Krankheiten. Ich \u2013 nicht einmal einen Schnupfen.<\/p>\n<p><em>Sie haben sich immer empfunden als einer, der anders ist?<\/em><br \/>\nAlle verstanden, was der Lehrer sagte. Ich null. Ich war nicht dumm. Aber ich verstand ihn nicht. Als Einziger. Manchmal dachte ich: M\u00f6glicherweise hat er recht und ich sollte ihn verstehen, aber meist interessierte es mich einfach nicht, was er sagte. Ich hatte nicht das Gef\u00fchl, dass er mir etwas zu sagen hatte. Ich hatte null Respekt vor dem Lehrer. Er erz\u00e4hlte meiner Mutter, sie solle mich besser in eine Lehre statt in eine weiterf\u00fchrende Schule schicken. Meine Mutter kam nach Hause, sah mich an \u2026 Sie wissen, wie traurig eine Mutter ihr dummes Kind ansieht? Ich bin zu ihr \u2013 ich war zehn Jahre alt \u2013, umarmte sie und sagte zu ihr: Ich werde weiter zur Schule gehen und ein SuperAbitur machen. Meine Mutter glaubte mir. Zu Recht!<\/p>\n<p><em>Die Namen der Enkel kriegen Sie nicht zusammen. Und die ihrer Freundinnen?<\/em><br \/>\nIch bin ein treuer Ehemann.<\/p>\n<p><em>Sie sagen die Wahrheit?<\/em><br \/>\nImmer.<\/p>\n<p><em>Immer die Wahrheit?<\/em><br \/>\nJa. Meine Wahrheit.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag2.jpg\" rel=\"lightbox[1823]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1822\" alt=\"pag2\" src=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag2.jpg\" width=\"700\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag2.jpg 700w, https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/pag2-300x217.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Oliviero Toscani &#8230; &#8230; wurde 1942 in Mailand geboren als Sohn des ersten Fotoreporters, den die italienische Tageszeitung Corriere della Sera hatte. &#8230; studierte Fotografie und Grafik an der<a class=\"more\" href=\"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/?p=1823\">Leggi &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28,31,3],"tags":[1175,15,23,44,20],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1823"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1888,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823\/revisions\/1888"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.olivierotoscanistudio.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}